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Historie
der Schlesischen Musikfeste
 

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Wandlungen und Neubeginn

Die Schlesischen Musikfeste waren und bleiben ein bemerkenswerter Teil unserer Geschichte. Sie prägten unsere Vergangenheit. Sie unterlagen aber auch den politischen und sozialen Entwicklungsprozessen in diesem bewegten Jahrhundert. Im wilhelminischen Deutschland erlebten die Feste ihren glanzvollen Aufstieg. Sie waren auf ihre Art Ausdruck für das Kraftbewusstsein einer jungen Weltmacht, die ja damals auch in Wissenschaft und Kunst weltweit Maßstäbe setzte. Den Führungsschichten aus Adel und gehobenem Bürgertum dienten sie zur Selbstdarstellung. Umfassende Bildung und kultivierte Lebensansprüche der herausgehobenen Familien waren oft ganz unbefangen verbunden mit elitärer Exklusivität. Besitz und Macht bedeuteten im Selbstverständnis dieser gesellschaftlichen Kreise auch einen moralischen Auftrag, Bildung und Kultur zu pflegen, zu mehren und zu schützen, und nicht nur für ihresgleichen.

Max Gondolatsch vermerkte 1925 rückblickend zum Musikfest von 1878: „Es wurden denn auch Wünsche um Erniedrigung der Preise in der Presse laut, damit auch dem ‚mittleren Bürgerstande’ Gelegenheit zum Besuch der Festaufführungen gegeben sei.“ Und er zitierte den kritischen Einwand eines Zeitzeugen, es handle sich um ein „Fest der schlesischen Aristokratie“. Man muss wohl einräumen, dass die Schlesischen Musikfeste in der Zeit der Monarchie ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Strukturen waren. Geschichtliches Verständnis für diesen Umstand verbietet daher kritikloses Lob ebenso wie vulgär-demokratische Verteufelung. Seriöse Leistungen und auftrumpfender Glanz waren kaum schillernde Kulisse für schlaffes, parasitäres Genießen einer abgehobenen Minderheit der Gründergeneration, sondern vor allem Beiträge zum kulturellen Fortschritt des ganzen Volkes.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 und der Not der Nachkriegskrise regten sich in den zwanziger Jahren wieder die Kräfte, die einst die Schlesischen Musikfeste organisiert und zu ihrem hohen Anspruch geführt hatten. Görlitz war keine reiche Stadt mehr, aber sie konnte von einem reichen Erbe zehren. Wie in der gesamten Gesellschaft der Weimarer Republik, blieben auch hier die früheren Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung, Militär und in den akademischen Berufen an den Schalthebeln. Sie waren es, die 1925, 1928 und 1931 trotz der äußerst angespannten wirtschaftlichen und sozialen Lage wiederum Schlesische Musikfeste mit künstlerischen Höchstleistungen und einer Rekordbeteiligung zustande brachten. Trotz aller politischen Erschütterungen wollten sie nicht an kostbaren geistigen Besitzständen rühren lassen. Das alte Publikum hielt den Musikfesten in rührender Anhänglichkeit die Treue. Neue Besuchergruppen kamen hinzu.

Liberale und sozialdemokratische Kulturpolitiker drängten darauf, auch Angestellten, Arbeitern und der Jugend den Zugang zu den Konzertsälen zu erleichtern. In Görlitz, einer Stadt der Industrie und der Schulen mit einem hohen Anteil an Arbeitern und jungen Leuten in der Bevölkerung, war dies eine gerechte Forderung. Junge Kulturschaffende, die damals namentlich im Theater und in der bildenden Kunst Neues wagten, verlangten nun auch zeitgemäße Wandlungen im Musikleben der Stadt. Sie meinten damit nicht nur ein ausgewogeneres Verhältnis von klassischem Repertoire und Werken junger Komponisten, sondern auch frischere Interpretationen der Musikliteratur, Einführungsvorträge für weniger vorgebildete Konzertbesucher, erschwingliche Eintrittspreise, Mitwirkung von Volkschören und die Hinzunahme volkstümlicher Aufführungsformen auch außerhalb der Stadthalle. Manches davon kam auf den Weg, doch war auch die Anziehungskraft des Gewohnten, Althergebrachten nicht zu unterschätzen. Dennoch versprach das Festbuch von 1931: „Man hat von den Programmen unserer Musikfeste gesagt, über ihnen ‚liege ein Glanz der Klassizität’. Ein Teil der Kritik sah dies als Lob, ein anderer - nicht geringer - auch als Tadel an ...Wir wollen die Ideale des Stifters unserer Feste auch weiter in Ehren halten, daneben aber erkennen wir die Pflicht, auch weiterführende Wege einzuschlagen und der jüngeren Generation zu ihrem Rechte zu verhelfen.“

Nach dem Tode des hoch betagten Grafen Hochberg 1926 versuchte man nun, ohne sich vom Grundanliegen der Feste zu lösen, Bewährtes aus dem Repertoire zu bewahren und durch jüngere Dirigenten neu interpretieren zu lassen, stärker aber auch Spitzenwerke zeitgenössischer Komponisten vorzustellen. Leider blieb dafür nicht mehr viel Zeit.

Die Kulturpolitik der Nationalsozialisten mengte sich ab 1933 rigoros auch in das Musikschaffen ein. Noch dreimal, nämlich 1937, 1940 und 1942, durfte die Stadt Görlitz Schlesische Musikfeste ausrichten. Die Entscheidung über die Austragungsorte lag nun bei der NSDAP-Gauleitung in Breslau, so dass Görlitz nicht einziger Festort blieb. Nachdem das Innere des großen Saales der Stadthalle vor dem Musikfest 1937 vom wilhelminischen Dekor befreit und in nüchterner Sachlichkeit gestaltet worden war, las man im Festbuch: „Als ...höchster Vorzug wäre diesmal die rein deutsch gefasste Vortragsfolge und die Verpflichtung rein deutscher Künstler zu rühmen. Man will die Forderungen unseres nationalsozialistischen Staates auch bei der Gestaltung künstlerischer Feste befolgt sehen!“

Im Festbuch 1942, auf dem Höhepunkt des Krieges also, wünschte man sich „für Tage eine deutsche Gemeinschaft voll Glauben, Kraft und Hingabefähigkeit in fröhlich-ernster Verbundenheit“ und wollte damit „die innere Front stärken“. Obwohl jüdische Komponisten, Sänger und Solisten und auch jüdische Förderer (wie die Familien Alexander-Katz und Ephraim) über Jahrzehnte hinweg die Schlesischen Musikfeste mit vorangebracht hatten, blieben sie nun ausgeschlossen. Ältere Konzertbesucher rieben sich die Augen, als sie 1942 im Programmheft Händels „Judas Makkabäus“ als „Freiheits-Oratorium“ unter dem neuen Titel „Der Feldherr“ und mit neuem Text angekündigt fanden. Kulturgruppen der HJ und der NSDAP gestalteten die Programme mit. Nach dem ideologischen Leitbild der „Volksgemeinschaft“ wurden Inhalte und Darbietungsformen vielseitiger und volkstümlicher. Orgelkonzerte in der Peterskirche, öffentliches Singen, Theateraufführungen und Ausstellungen ergänzten und bereicherten die traditionelle Aufführungspraxis. Trotz vordergründiger politischer Absichten konnten so neue Zuhörerkreise und Mitwirkende gewonnen werden. Stärker als früher wurden schlesisches Liedgut und zeitgenössische schlesische Komponisten berücksichtigt. Angesichts der vielen Todesopfer und Zerstörungen erlebte man die Schlesischen Musikfeste während des Krieges mit einem bitteren Beigeschmack, mochte auch die Musik manchen von Schmerz Gebeugten für kurze Zeit aufrichten.

Mit dem Zusammenbruch des Hitler-Staates und der Massenvertreibung der Deutschen aus Schlesien endeten für lange Jahrzehnte auch die Schlesischen Musikfeste. Unter dem Druck der Besatzungsherrschaft und nach der Grenzziehung an Oder und Neiße war es in Görlitz kaum möglich, sich zu schlesischer Geschichte und Kultur zu bekennen. So war auch an eine Wiederbelebung der Schlesischen Musikfeste vorerst nicht zu denken. Dennoch gab es mit neun Görlitzer Musikwochen von 1946 bis 1957 den Versuch einer Fortsetzung unter anderen Bedingungen. Im Programmheft 1946 betonte Oberbürgermeister Prenzel, selbst ein Schlesier, nachdrücklich: „Die Musikwoche in Görlitz wird durch die Mitwirkung namhafter Künstler weit über unsere Heimat hinaus zeigen, dass Görlitz, anknüpfend an die Tradition als Musikstadt, alte Kulturgüter erhalten und im Geiste des demokratischen Neuaufbaus neue schaffen und fördern wird.“

Es gelang wieder, Spitzenorchester mit namhaften Dirigenten und Solisten nach Görlitz zu holen und die einheimischen Musikschaffenden zu hohen Leistungen zu ermuntern. Große Konzerte in der ausverkauften Stadthalle wurden ergänzt durch Kammerkonzerte in anderen Konzertsälen und Opernaufführungen im Theater, durch Orgelkonzerte in der Peterskirche und Liederabende, durch gemeinsames Singen in Betriebskulturhäusern und im Freien, durch Auftritte Görlitzer Volksmusikorchester in der Altstadt und in Parkanlagen. Stärker als jemals zuvor war die Jugend unter den Mitwirkenden und Zuhörern. Tatsächlich war Görlitz mindestens bis zum Ende der fünfziger Jahre, wenn auch mit weniger Glanz, Musikstadt geblieben. Viele große Namen der Musikgeschichte - Abendroth, Konwitschny, Mauersberger, Ramin und andere - bleiben für die Görlitzer Kulturgeschichte mit dieser Zeit verbunden.

Die politischen Veränderungen und die deutsche Einigung 1990 schufen nun die Möglichkeit, ohne Scheu auch die mit Schlesien verbundenen Traditionen wieder zu entdecken und zu pflegen. Immer wieder kam aus der Bevölkerung und von den in der Ferne lebenden Görlitzern der Wunsch, auch die Schlesischen Musikfeste wieder zu beleben. Beim Symposium „Kulturpflege in Schlesien“, das das Kuratorium „Schlesische Lausitz“ e.V. veranstaltete, kam am 26. März 1994 in der Stadthalle von der Schlesischen Jugend Görlitz der Vorschlag, in nächster Zukunft in der Neißestadt das 27. Schlesische Musikfest zu gestalten und damit die unterbrochene Tradition fortzuführen. Auf Einladung des Kuratoriums bildete sich am 28. Juli 1994 in der Stadthalle ein „Gründungskreis zur Wiederbelebung der Schlesischen Musikfeste“ und einigte sich auf den Vorschlag, 1996 das nächste Schlesische Musikfest in Görlitz zu organisieren. 1995 folgte die Umbenennung dieses Gründungskreises in „Festkomitee Schlesische Musikfeste“, wie es der Tradition entspricht. Vorbereitungsausschüsse nahmen ihre Tätigkeit auf (Geschichtsausschuss, Öffentlichkeitsausschuss, Programmausschuss, Finanzausschuss, Kuratoriumsausschuss). 1996 bildete sich aus Persönlichkeiten der Stadt und aus weiten Teilen Deutschlands, sowie aus dem Ausland das Kuratorium „Schlesisches Musikfest“. Wiederum wurde die Idee durch eine Bürgerinitiative aufgegriffen. Es sind Musikfreunde aus allen Bevölkerungsschichten, namentlich Musikschaffende aus den beiden großen Kirchen, aus dem Theater und den Schulen. Auch polnische und tschechische Nachbarn wurden zur Mitwirkung und als Zuhörer gewonnen. Erwartet werden auch Schlesier aus den westlichen Bundesländern, die mit den Bergisch-Schlesischen Musiktagen von 1972 bis 1988 versucht haben, die Tradition fern von ihrem Ursprung am Leben zu erhalten.

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